„Risiken und Herausforderungen für die Öffentliche Sicherheit in Deutschland - Szenarien und Leitfragen“
Hrsg. Gerold Reichenbach, Ralf Göbel, Hartfrid Wolff, Silke Stokar von Neuforn
Das Ende des Ost-West-Konfliktes und die Globalisierung haben die Rahmenbedingungen für Sicherheit fundamental verändert. Die zunehmend komplexe Kopplung von Systemen – (Meta-)Datenströme, Logistikketten, Energietransport – führt zu einer neuen Qualität von Verletzlichkeit und Risiko.
Diese Risiken können in ihrer Auswirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft zu „chaotischen Krisenlagen“ führen, wie sie früher nur im Kriegsfall vorstellbar waren. Eine umfassende, territoriale Bedrohung Deutschlands durch einen klassischen Krieg ist unwahrscheinlich geworden.
Konsens herrschte bislang in der öffentlichen Debatte nur darüber, „dass sich Risiken und Bedrohungslagen fundamental geändert haben.“ (alle Zitate: Grünbuch) Die Konsequenzen blieben offen.
Im März 2007 gründeten die Herausgeber als zuständige Berichterstatter im Deutschen Bundestag das fraktionsübergreifende ZUKUNFTSFORUM ÖFFENTLICHE SICHERHEIT, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Mitgetragen wird die Initiative von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Ebenso nehmen Repräsentanten von Organisationen der polizeilichen und nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr sowie Experten aus Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden teil. Auch zur EU und internationalen Organisationen besteht Kontakt.
Das vorliegende Grünbuch fasst die bisher in den Facharbeitsgruppen und im Forum stattgefundenen Gespräche zusammen. Die Autoren haben daraus Szenarien und Leitfragen entwickelt. Ziel ist es, eine öffentliche und parteiübergreifende Diskussion anzuregen.
Autoren und Herausgeber gehen davon aus, „dass sich existenzgefährdende, nationale Notlagen […] aus dem Zusammenwirken mehrerer Negativereignisse ergeben können“ und damit nationale Katastrophenlagen jenseits von Krieg möglich sind. Es sind die Inter- und Intradependenzen, die Domino- und Kaskadeneffekte, die zu Dynamiken führen, deren Ausmaße weder dem Großteil der Bevölkerung noch den Verantwortlichen bewusst sind.
Die Autoren und Herausgeber warnen, dass eine bundesweite Schadenslage über Tage oder Wochen mit humanen Tragödien und hohen wirtschaftlichen Schäden verbunden wäre. Die Konsequenz wäre ein tiefgreifender „Vertrauensverlust der Bevölkerung in den Staat […]. Dies hätte unabsehbare Folgen für unser Gesellschaftssystem.“
Aus der Vielfalt denkbarer Bedrohungslagen haben die Autoren plausible Gefährdungsabläufe ausgewählt und daraus zwei repräsentative Szenarien für Deutschland abgeleitet: Stromausfall und Epidemie. Zusätzlich beschreiben sie weniger offensichtliche, schleichende Risiken, die Krisen auslösen oder verschärfen können, in (Hintergrund-)Darstellungen: Organisierte Kriminalität internationaler Terrorismus, Klimawandel und die Omnipräsenz und damit umfassende Abhängigkeit von Informationstechnologie.
Szenario Stromausfall: Alle Lebensbereiche sind heute auf ein reibungsloses Funktionieren kritischer Infrastrukturen angewiesen. Die Stromversorgung ist die Basis dafür. Ein flächendeckender, tage- oder wochenlanger Stromausfall ist deshalb ein Schlüsselszenario. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist hoch. Alles kann Auslöser sein: technisches oder menschliches Versagen, menschliche Absicht (Terror, Sabotage), Extremwetter, schwere Naturereignisse, Pandemie.
Unmittelbar sind Licht, Telefon, Internet, Heizung, Kühlung betroffen. Ebenso (Finanz-)Handel und Produktion. Aber auch Bereiche, deren Abhängigkeit zunächst nicht offensichtlich sind: Bargeld-, Lebensmittel-, Wasser- oder Treibstoffversorgung oder Abwasser- und Müllentsorgung.
Hochhäuser müssen aufgrund von Seuchengefahr komplett evakuiert werden. Die Bevölkerung kann nicht mehr wie gewohnt Notrufe tätigen und kaum Informationen empfangen. Treibstoff und Notstromaggregate werden zur Mangelware. Behörden, Rettungswesen und Polizei sind selbst extrem betroffen, sie sind Teil der „Kritischen Infrastruktur“.
Denkbar sind Angst und Panik in der Bevölkerung. Die Sicherheitslage könnte eskalieren.
Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: „Nach wie vor gehen viele Akteure davon aus, dass es zu keinem lang andauernden und überregionalen Stromausfall kommen wird.“ Die Vorfälle im Münsterland oder im Emsland zeigen aber, dass die Wahrscheinlichkeit steigt.
Und weiter: „Derzeit ist kein einheitliches Risiko- und Krisenmanagement bei Unternehmen, Staat und anderen Akteuren erkennbar. Der Sensibilisierungsgrad ist gering, die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung kaum ausgeprägt. Ein Stromausfall dieser Größenordnung wäre eine nationale Katastrophe mit […] Schäden für die gesamte Gesellschaft.“
Szenario Pandemie: Krankheitserreger und Krankheitsüberträger profitieren vom Klimawandel und der hohen Mobilität von Menschen und Gütern. Infektionskrankheiten breiten sich dadurch schneller aus und etablieren sich in den neuen Gebieten dauerhaft. Verbunden mit der hohen Mutationsrate von Viren entsteht ein hohes Bedrohungspotenzial.
Zwei Pandemie-Szenarien werden für Deutschland beschrieben:
a.) Chikungunya-Fieber: Ein Sommerhochwasser verbunden mit einer Hitzewelle führt im Südwesten Deutschlands zu einer explosionsartigen Vermehrung der Tigermücke, dem Krankheitsüberträger des Chikungunya-Virus. Die ursprünglich aus Ostafrika stammende Aedes-Mücke existiert bereits in Süd- und Mitteleuropa, eingeschleppt über den Altreifenhandel, Zimmerpflanzen etc. Die Mücke wird in absehbarer Zeit stabile Populationen bilden. Das Virus wurde schon hundertfach über Reisende nach Europa importiert. Diese schleichenden Entwicklungen könnten durch eine entsprechende Extremwetterlage, wie sie in den kommenden Jahren immer wahrscheinlicher wird, zu einer Chikungunya-Pandemie führen. Die Krankheit ist schmerzhaft und fesselt den Kranken mehrere Wochen ans Bett. Sie verläuft selten tödlich. Impfung oder Therapie gibt es nicht. Auf La Réunion, wo vor zwei Jahren eine solche Epidemie ausbrach, konnte das öffentliche Leben und die medizinische Versorgung nur durch das Einfliegen von Personal aus dem französischen Mutterland aufrechterhalten werden.
b.) SARS: Eine Mutation des SARS-Virus sorgt dafür, dass die Krankheit so leicht übertragbar wird wie Influenza. Bisher ist die Übertragungsrate von SARS gering, weil das Virus erst nach Ausbruch der Krankheit übertragen werden kann. Die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine solche Mutation ist gegeben. SARS würde sich sehr rasch ausbreiten. Neue Modellrechnungen belegen, dass sich Krankheitserreger durch die hohe Mobilität von Menschen und Gütern in viel größerer Geschwindigkeit weltweit ausbreiten, als bisher angenommen. Impfung und Therapie gibt es nicht. Mit einer Todesrate von 10 Prozent ist SARS 10- bis 100-mal tödlicher als die Influenza. Die notwendigen Gegenmaßnahmen reichen von Quarantäne von Kontaktpersonen über Isolierung von Patienten, Schließung von Schulen, Verbot von Massenveranstaltungen, bis hin zur Abriegelung ganzer Städte oder Regionen.
Die Bekämpfung der Krankheit würde die Krisen- und Katastrophenlage sehr viel stärker verschärfen als die Infektion selbst. „Es entstünden ökonomische Schäden in Größenordnungen, die auch für westliche Volkswirtschaften kaum mehr zu kompensieren wären“.
Der Mensch würde im Pandemiefall zur „Engpassressource“ auf allen Ebenen. Das fehlende Personal zum Betreiben sämtlicher kritischer Infrastrukturen löst Domino- und Kaskadeneffekte aus, die ähnlich verlaufen werden, wie sie im Szenario Stromausfall beschrieben sind.
Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: „Das Gesundheitswesen wäre völlig überfordert. Die vorhandenen Ressourcen sind für ein normales Krankheitsaufkommen und lokale Schadensereignisse zugeschnitten. Eine solche Krise könnte nicht einmal ansatzweise bewältigt werden. Das liegt auch an dem steigenden ökonomischen Druck, durch den Überhänge in den Versorgungs¬strukturen abgebaut wurden, und der zunehmenden Privatisierung.“
Und weiter: „Eine einheitliche überregionale Notfallplanung, die eine grundsätzliche Strategie der Abwehr einer Pandemie umfasst, ist nicht vorhanden. Das erschwert ein Krisenmanagement auf allen Ebenen. Es bleibt offen, ob bei einer deutschlandweiten Seuche die derzeitigen föderalen Strukturen des Gesundheitswesens und des Katastrophen¬schutzes die geeignete Organisationsform sind. Vor allem, wenn in einer Krisensituation Mangelressourcen über die Grenzen von Bundesländern hinweg verteilt werden müssten.“
Die anschließenden Leitfragen liefern Anhaltspunkte für die dringend nötige Debatte um politische Lösungen, die sowohl den faktischen Herausforderungen gerecht werden als auch der föderalen Struktur der Bundesrepublik. Damit soll ein Einstieg in eine politische Bewertung erfolgen.
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